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Hauptbahnhof Herford

Es gibt einen Ort auf der Welt, den ich so weit es geht vermeide, da ich ihn für einen der kältesten und unheimlichsten Orte aller Zeiten halte: den Herforder Hauptbahnhof.
Auf der Fahrtstrecke Essen-Detmold nehme ich auch gerne etwas längere Fahrtzeiten in Kauf, einfach nur um es zu vermeiden in Herford etwa eine halbe Stunde lang auf meinen Anschlusszug zu warten.
Vor etwa zwei Wochen blieb mir allerdings nichts anderes übrig und ich befand mich so gegen 15.30 Uhr an einem kalten Sonntagnachmittag an jenem besagten Bahnhof.
Auf einmal lief ein Mann, so um die 30 Jahre alt, an mir vorbei. Seiner Kleidung nach zu urteilen, schien er aus dem letzten Dr. Dre Video entsprungen zu sein. In der Hand hielt er ein pinkes Motorola-Handy mit Strass-Steinchen bestückt von dem ich mir sicher war, dass er es geklaut hatte, da dieser Mann eindeutig zu heterosexuell für dieses Handy war.
Er blieb etwa 5m von mir entfernt stehen und musterte mich von oben bis unten, während er mit einer Dame namens „Jenny“ telefonierte oder zumindest so tat, als würde er es tun. Einige Minuten später begann er das Gespräch folgendermaßen fortzuführen: „Boah ey Jenny, du glaubst es  nüsch ja, hier is so voll de hübsche Mädschen, ey so mit Lidstrisch un Lippenstift un so ja, un die hat so voll de Muttaamaal, da steh üsch ja voll drauf. Üsch steh ja soooo auf de Muttaamaale. Ey Jenny, watt ma kurz, üsch bin gleich wiedda dran, ja…“  Der Mann bewegte sich auf mich zu, während ich nur dachte „Bitte nicht, bitte nicht, bitte nich!!!“ doch dann war es schon zu spät und ich wurde ich ein Gespräch verwickelt: „Ey schuldige ja, aba üsch hab da mal ne Frage ja: Wo kommst du her“ , „Ehm, aus Deutschland“, „Escht, un wo da genau?“, „Eehm, Ruhrgebiet. Und wo kommst du her?“, „Ja also, üsch komm so nen bisschen aus Kosovo und so nen bisschen aus Albanien, ne, aber eigentlüsch wohn üsch in Herford.“, „Aha“, „Ey üsch weiß, das glaubst du mir jetzt bestümmt voll nüsch, ja, aber üsch mach das ganz ehlisch voll selten ja, Frauen so anzspreschen un so ja, aba üsch würd so voll gern Nummaaan mit dia austauschen, ja?“ , „Eeehhm, also weißt du, das Ruhrgebiet ist echt voll weit weg von Herford, ich glaub das würd‘ sich nicht lohnen…“, „Escht? Aber du wärst es mir voll wert ja, weil du bist so voll mein Typ ja!“, „Ey das ist echt super lieb von dir, aber das Ruhrgebiet ist ech mega weit weg von Herford, das ist so voll die lange Zug- und Autofahrt, das geht leider nicht…“, „Boah is ja mega Schaaade, weil du bist echt voll mein Typ ja. Naja, wa aba schön düsch kennen zu lernen.“ Während bereits alle Menschen am Bahnhof mit einem Grinsen im Gesicht zu uns rüber schauten, bewegte sich der freundliche Herforder mit Migrationshintergrund etwa 5 m weiter weg von mir und ging wieder an sein Handy „Ey Jenny, ja ich bin’s widda, ja, ey also üsch hab alles versucht mit de Mädschen ja, also üsch hab escht alles gegeben, aba die wohnt leida voll weit weg, Ruhagebiet oda so. Ja escht voll schade, aber isch hab escht alles gegeben, naja, aba so is die Leben.“