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War der Jude wichtig?

Ich habs geschafft: Ich hab‘ den Kaufmann von Venedig gesehen und bin dieses Mal nicht eingeschlafen (Jaques kann’s bestätigen). Und ich bin sogar sehr begeistert. Nun konnte auch die Frage geklärt werden, die mich schon seit Monaten plagt: War der Jude wichtig? Und die Erkenntnis des gestrigen Abends: Ja, der Jude war wichtig! Worauf ich auch hätte kommen können, wenn ich das Stück einfach Mal gegoogelt hätte, denn ein anderer Titel lautet auch „The Jew of Venice“. Der Jude Shylock soll in dem Stück die Figur des Vice darstellen, die gleiche Rolle, die auch Richard III. oder Lady Macbeth bei Shakespeare übernehmen. Er soll ebenso „ruthless“ und „the incarnation of evil“ sein wie Lady Macbeth? Ich würde sagen nein, aber dazu müsste ich das Stück lesen – und das wäre zu viel des Guten. Ich kann mich nicht dran erinnern, mit Lady Macbeth Mitleid gehabt zu haben. Ihr Handlungen basieren auf dem Streben nach Macht und darauf, sich selbst zu bereichern. Der Jude ist jedoch sein Leben lang davon geplagt, angespuckt und verachtet zu werden. Dazu läuft ihm seine Tochter weg und es wird ihm zum Vorwurf gemacht, sich an dem Mann rächen zu wollen, der ihn jahrelang verachtet hat und die Flucht seiner Tochter unterstützt. Shylock pocht auf sein Recht, seinem Erzfeind ein Pfund Fleisch zu entfernen, da dieser seine Schulden an ihn nicht zurückzahlen kann. Sein Bestreben danach, so sehr auf das Recht zu beharren wird ihm jedoch zum Verhängnis und endet in seiner eigenen Veruteilung. Ein höheres göttliches Recht und die Barmherzigkeit der Christen siegen am Ende über die Rachsüchtigkeit des Juden. Und die Moral? Das Handeln des Juden war falsch? Shylock, der sich der Sünde verschreibt, soll uns abschrecken? Aber wovor? Davor menschlich zu sein? Ist es erstrebenswert, ein Übermensch zu sein – ohne Leidenschaft und voller Barmherzigkeit?

„Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“